201205.16
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(BtMG) BGH vom 17.4.2012 zu den Voraussetzungen eingeschränkter Steuerungsfähigkeit (beim Kokainkonsum) (1 StR 15/12)

Die bloße Abhängigkeit von Drogen beeinflusst für sich genommen die Steuerungsfähigkeit nicht.
Dies ist erst dann in Erwägung zu ziehen, wenn langjähriger Betäubungsmittelmissbrauch zu schwersten Persönlichkeitsveränderungen geführt hat. In diesen Fällen liegen regelmäßig zugleich ein organischer Befund und eine krankhafte seelische Störung vor. Auch beim akuten Rausch ist ein Ausschluss oder die erhebliche Verminderung der Steuerungsfähigkeit möglich.

Die Aussagekraft allein des Nachweises von Drogen und ihrer Abbauprodukte im Blut, im Urin und in den Haaren sei im Hinblick auf die Frage der Steuerungsfähigkeit eines Täters bei der Tat nur begrenzt Im Rahmen einer Gesamtschau habe das Gericht aufgrund der psychodiagnostischen Merkmale unter ergänzender Verwertung der Blut-, Urin- und Haarbefunde (hinsichtlich des Betäubungs- und hier auch Alkoholkonsums) Rückschlüsse auf die Tatzeitbefindlichkeit des Täters zu ziehen.

In einer aktuellen Entscheidung hob der BGH eine Entscheidung des Landgerichts Münchens auf, dass aufgrund einer regelmäßigen und auch tatnahen Konsums von Kokain sowie dem Druck durch Drogenschulden auf eine Einschränkung der Steuerungsfähigkeit des Angeklagten schloß.




BGH Urteil vom

17.April 2012

1 StR 15/12

….

wegen unerlaubter Einfuhr von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge u.a.

Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat in der Sitzung vom
17. April 2012, an der teilgenommen haben:

Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof
Nack

und die Richter am Bundesgerichtshof
Rothfuß,
Hebenstreit,
die Richterin am Bundesgerichtshof
Elf,
der Richter am Bundesgerichtshof
Dr. Graf,

Oberstaatsanwältin beim Bundesgerichtshof
als Vertreterin der Bundesanwaltschaft,

Rechtsanwalt
als amtlich bestellter Vertreter von Rechtsanwalt
als Verteidiger,

Justizangestellte
als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle,

für Recht erkannt:

Auf die Revision der Staatsanwaltschaft wird das Urteil des
Landgerichts München I vom 21. September 2011 im
Rechtsfolgenausspruch – mit Ausnahme der Anordnung
des Verfalls von Wertersatz, der bestehen bleibt – mit den
zugehörigen Feststellungen aufgehoben.

Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Ver-
handlung und Entscheidung, auch über die Kosten des
Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landge-
richts zurückverwiesen.

Von Rechts wegen

Gründe:

I.

1         Das Landgericht hat den Angeklagten wegen unerlaubter Einfuhr von
Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in Tateinheit mit Beihilfe zum un-
erlaubten Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge zu der
Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Außerdem hat die Strafkammer den
Verfall von Wertersatz in Höhe von 1.500  angeordnet.

2          Der Strafzumessung hat die Strafkammer den gemäß §§ 21, 49 Abs. 1
StGB gemilderten Strafrahmen des § 30 Abs. 1 Nr. 4 BtMG zugrunde gelegt.
Sie ist davon ausgegangen, dass die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten
zum Zeitpunkt der Begehung der Tat infolge einer akuten Intoxikation, die auf
dem Konsum von Kokain beruhte, nicht ausschließbar erheblich vermindert
war.

3          Mit ihrer wirksam auf den Rechtsfolgenausspruch mit Ausnahme der An-
ordnung des Verfalls auf Wertersatz beschränkten und auf die Sachrüge ge-
stützten Revision beanstandet die Staatsanwaltschaft insbesondere Rechtsfeh-
ler bei der Anwendung des § 21 StGB.

4          Das Rechtsmittel der Staatsanwaltschaft hat Erfolg.

II.

5          1. Dem – rechtskräftigen – Schuldspruch liegen folgende Feststellungen
zugrunde:

Der durch ,,Drogenschulden“ belastete, nicht vorbestrafte Angeklagte,
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ließ sich in den Niederlanden – seiner Heimat – dazu überreden, gegen einen
Kurierlohn in Höhe von 1.500  fünf Kilogramm Marihuana aus den Niederlan-
den nach Linz in Österreich zu transportieren. Der Kurierlohn wurde mit seinen
Schulden verrechnet.

7          Dementsprechend verbrachte der Angeklagte am 7. März 2011 im Lade-
raum seines Fahrzeugs 4.925,8 Gramm Marihuana aus den Niederlanden in
die Bundesrepublik Deutschland. Das Rauschgift hatte einen Wirkstoffgehalt
von 14,50 %. Dies entspricht 714,2 Gramm Tetrahydrocannabinol. Zum Ei-
genkonsum führte er zudem 0,27 Gramm Haschisch und 0,82 Gramm Kokain
mit. Bei einer Polizeikontrolle auf einem Parkplatz an der Autobahn München –
Salzburg wurden die Betäubungsmittel gegen 19.30 Uhr entdeckt und sicher-
gestellt. Der Angeklagte wurde festgenommen.

8          2. Die Entscheidung zur Frage der Schuldfähigkeit beruht auf folgenden
Feststellungen und Erwägungen der Strafkammer:

9          a) Zur beruflichen und wirtschaftlichen Situation des Angeklagten:

10         Der zur Tatzeit knapp 52-jährige Angeklagte, ein Heizungsinstallateur,
wurde ab 1992 im Wertpapierhandelsgeschäft aktiv, zunächst im Angestellten-
verhältnis, ehe er sich als Börsenmakler selbständig betätigte. Dies endete im
Jahre 2004 mit seiner Privatinsolvenz bei Verbindlichkeiten in Höhe von
185.000 . Danach wirkte er als Berater in Vermögensangelegenheiten. 2009
machte er sich mit einem Malerbetrieb selbständig, aus dem er bis zu seiner
Festnahme monatliche Einkünfte in Höhe von 2.500  erzielte. Aufgrund seines
hohen Kokainverbrauchs hat er bei seinen Lieferanten Schulden in Höhe von
ca. 5.000 bis 6.000 .

11         b) Das Konsumverhalten des Angeklagten:

12         Nach seinen eigenen – vom Landgericht für glaubhaft erachteten – Anga-
ben probierte der Angeklagte erstmals im Alter von zwölf bis vierzehn Jahren
Alkohol, zunächst unregelmäßig. Infolge seines wirtschaftlichen Zusammen-
bruchs und des Scheiterns seiner Ehe – beides im Jahr 2004 – steigerte er sei-
nen Alkoholkonsum bis zu seiner Inhaftierung auf bis zu zwei Flaschen Port-
wein täglich.

13         Im Alter von 18 Jahren nahm der Angeklagte erstmals Kokain zu sich,
zunächst regelmäßig an Wochenenden. Daneben konsumierte er Ecstasy. Im
Jahre 2004 verzichtete er im Rahmen einer neuen Partnerschaft für die Dauer
von sechs Monaten auf den Konsum von Betäubungsmitteln. Vor seiner Ver-
haftung rauchte er fünfmal pro Woche ca. 1,5 Gramm Kokain. Von Freitag-
abend bis Sonntagnachmittag, während er seinen Sohn bei sich hatte, verzich-
tete er auf den Konsum von Betäubungsmitteln. Im Rahmen von fünf bis sieben
Hauspartys im Jahr nimmt er jeweils fünf bis sieben Tabletten Ecstasy zu sich.
Letztmals konsumierte der Angeklagte vor seiner Inhaftierung auf einem Auto-
bahnparkplatz Kokain.

14         c) Zur Intoxikation und Schuldfähigkeit des Angeklagten zur Tatzeit:

15         Der – sogleich geständige – Angeklagte wirkte bei seiner Festnahme ge-
genüber dem eingreifenden Polizeibeamten völlig unauffällig. Der Angeklagte
erweckte nicht den Eindruck, unmittelbar vor der Kontrolle Betäubungsmittel zu
sich genommen zu haben.

16         Im Urin des Angeklagten fanden sich Kokain, Kokainstoffwechselpro-
dukte (u.a. Ecgoninmethylester), Temazepam, Oxazepam, Hydroxyzin, Hydro-
xyzinstoffwechselprodukte, Paracetamol und Paracetamolstoffwechselproduk-
te. Im Blutplasma ließen sich die Werte hinsichtlich des Kokains und seiner
Stoffwechselprodukte quantifizieren. Diese lagen in einem sehr hohen, einen
zeitnahen Konsum belegenden Bereich. Durch das Auffinden der Werte von
Cocaethylen und Ecgoninmethylester wird der Vortrag des Angeklagten zu sei-
nem Alkoholkonsum bestätigt, da diese bei zeitnaher Aufnahme von Kokain
und Alkohol gebildet werden. Durch eine ergänzende Untersuchung der Haare
(zwei Zentimeter) des Angeklagten konnte eine Aufnahme der genannten Sub-
stanzen innerhalb der vorangegangenen zwei Monate nachgewiesen werden,
die mit den Werten aufgrund der Blut- und Urinprobe in Einklang stehen. Die
Konzentration der Werte für Kokainabbauprodukte zeigen einen regelmäßigen
intensiven Konsum, der mit Alkoholaufnahme einhergeht.

17         Aufgrund der festgestellten erheblichen Konsumwerte und des dennoch
unauffälligen Eindrucks des Angeklagten, den dieser trotz des unmittelbar zu-
vor erfolgten Konsums auf den Ermittlungsbeamten bei der Festnahme machte,
ist beim Angeklagten von einer erheblichen Gewöhnung auszugehen. Zudem
liegt ständig ein erheblicher Konsumdruck vor.

18         Zur Tatzeit lag eine akute Intoxikation vor. Unter Berücksichtigung dieser
Umstände sowie der Tatsache, dass der erhaltene Kurierlohn zur Begleichung
von Geldschulden aus dem zurückliegenden Ankauf von Rauschgift zum eige-
nen Konsum gedient habe, ferner die Begleichung der Schulden die Voraus-
setzung für den weiteren Erwerb von Betäubungsmitteln gewesen sei, ist eine
erhebliche Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit beim Angeklagten gemäß
§ 21 StGB nicht auszuschließen.

19         Die Strafkammer hat sich bei diesen Feststellungen und der hierauf be-
ruhenden Beurteilung der Schuldfähigkeit des Angeklagten zur Tatzeit nach
kritischer Prüfung den überzeugenden Ausführungen des Sachverständigen
angeschlossen, eines erfahrenen, der Strafkammer seit vielen Jahren als zu-
verlässig bekannten Gutachters.

20         3. Zur Unterbringung in einer Entziehungsanstalt (§ 64 StGB):

21         Die Strafkammer hat die Anordnung der Unterbringung des Angeklagten
in einer Entziehungsanstalt schon mangels Vorliegens eines Hanges, berau-
schende Mittel im Übermaß zu sich zu nehmen, abgelehnt.

22         Beim Angeklagten liege zwar ein langjähriger intensiver Kokainmiss-
brauch vor, zudem trinke er beträchtliche Mengen von Alkohol. Ein Hang im
Sinne von § 64 StGB könne jedoch nicht festgestellt werden. Der Angeklagte
habe keine Vorstrafen. Er sei gesund und in der Vergangenheit ständig einer
geregelten Berufstätigkeit nachgegangen. Der Angeklagte lebe in einem sozial
intakten Umfeld und kümmere sich regelmäßig jedes Wochenende um seinen
Sohn; eine Depravation liege nicht vor. Der Angeklagte sei auch nicht sozial
gefährdet.

III.

23         Gegen die Bewertung der Schuldfähigkeit des Angeklagten bei Bege-
hung der Tat bestehen durchgreifende sachlich-rechtliche Bedenken.

24         a) Die richterliche Entscheidung, ob die Fähigkeit des Angeklagten, das
Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, aus einem
der in § 20 StGB bezeichneten Gründe bei Begehung der Tat erheblich vermin-
dert ist, erfolgt in einem aus mehreren Schritten bestehenden Verfahren, ohne
dass die Nichteinhaltung einzelner Schritte nach rechtlichen Maßstäben fehler-
haft sein muss (vgl. BGH, Urteil vom 21. Januar 2004 – 1 StR 346/03, BGHSt
49, 45, 51 f.; Beschluss vom 12. Juni 2008 – 3 StR 154/08 Rn. 7; Boetticher/
Nedopil/Bosinski/Saß, Mindestanforderungen für Schuldfähigkeitsgutachten,
NStZ 2005, 57 ff.). Zunächst ist die Feststellung erforderlich, dass bei dem An-
geklagten eine psychische Störung vorliegt, die unter eines der psychopatholo-
gischen Eingangsmerkmale des § 20 StGB zu subsumieren ist. Sodann sind
der Ausprägungsgrad der Störung und deren Einfluss auf die soziale Anpas-
sungsfähigkeit des Angeklagten zu untersuchen; es ist festzustellen, ob, in wel-
cher Weise und in welchem Umfang sie sich auf dessen Tatverhalten ausge-
wirkt haben.

25         Zur Vermittlung der medizinisch-psychiatrischen Anknüpfungstatsachen
im Hinblick auf die Diagnose einer psychischen Störung, deren Schweregrad
und deren innerer Beziehung zur Tat wird der Richter auf sachverständige Hilfe
angewiesen sein, sofern er hierzu nicht aufgrund eigener Sachkunde befinden
kann (vgl. BGH, Beschluss vom 6. November 2003 – 1 StR 406/03, BGHR
StGB § 21 BtM-Auswirkungen 15, mwN). Dabei bedarf es der Darlegung der
Störung anhand der vier Eingangsmerkmale und dazu, in welchem Ausmaß die
Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit aus fachwissenschaftlicher Sicht bei der
Tat beeinträchtigt waren. Vom Sachverständigen wird keine juristisch normative
Aussage erwartet, sondern eine empirisch vergleichende über das Ausmaß der
Beeinträchtigung des Täters, etwa im Vergleich zum Durchschnittsmenschen
oder anderen Straftätern. Denn bei der Bejahung eines der Eingangsmerkmale
des § 20 StGB und bei der Annahme verminderter Schuldfähigkeit – insbeson-
dere der auch normativ geprägten Beurteilung der Erheblichkeit der Verminde-
rung von Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit (vgl. BGH, Beschluss vom
17. März 2009 – 1 StR 627/08, BGHSt 53, 221, 223 Rn. 15 ff.; Urteil vom
19. Oktober 2011 – 2 StR 172/11 Rn. 4) – handelt es sich um Rechtsfragen. Das
abschließende Urteil über die Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit ist aus-
schließlich Sache des Richters (BGH, Urteile vom 26. April 1955 – 5 StR 86/55,
BGHSt 8, 113, 124; vom 10. September 2003 – 1 StR 147/03, BGHR StGB § 21
BtM-Auswirkungen 14; vom 21. Januar 2004 – 1 StR 346/03, BGHSt 49, 45, 53;
SSW-StGB/Schöch § 20, Rn. 13). Der Tatrichter hat die Darlegungen des
Sachverständigen daher zu überprüfen und rechtlich zu bewerten. Außerdem
ist er verpflichtet, seine Entscheidung in einer für das Revisionsgericht nach-
prüfbaren Weise zu begründen.

26         Die bloße Abhängigkeit von Drogen kann eine (schwere) andere seeli-
sche Abartigkeit sein, soweit sie nicht wegen körperlicher Abhängigkeit zu den
krankhaft seelischen Störungen gehört (exogene Psychosen). Die bloße Ab-
hängigkeit beeinflusst für sich genommen die Steuerungsfähigkeit jedoch nicht.
Dies ist erst dann in Erwägung zu ziehen, wenn langjähriger Betäubungsmit-
telmissbrauch zu schwersten Persönlichkeitsveränderungen geführt hat (BGH,
Urteil vom 13. Dezember 1995 – 3 StR 276/95, BGHR StGB § 21 BtM-
Auswirkungen 12; SSW-StGB/Schöch § 20, Rn. 46). In diesen Fällen liegen
regelmäßig zugleich ein organischer Befund und eine krankhafte seelische Stö-
rung vor. Auch beim akuten Rausch ist ein Ausschluss oder die erhebliche
Verminderung der Steuerungsfähigkeit möglich.

27         Schwere Entzugserscheinungen können die Steuerungsfähigkeit bei Be-
schaffungsdelikten nur in seltenen Ausnahmefällen, z.B. in Kombination mit
Persönlichkeitsveränderungen, aufheben (BGH, Urteile vom 23. August 2000
– 3 StR 224/00; vom 19. September 2001 – 2 StR 240/01, V.1.). Entzugser-
scheinungen, welche erst bevorstehen, können mitunter den Drang zur Be-
schaffungskriminalität übermächtig werden lassen, wenn die Angst des Täters
vor Entzugserscheinungen, die er schon als äußerst unangenehm (,,grau-
samst“) erlitten hat und die er als nahe bevorstehend einschätzt, sein Hem-
mungsvermögen erheblich vermindert. Dies kann dann insbesondere bei Hero-
inkonsum die Voraussetzungen des § 21 StGB begründen, ist jedoch trotz der
bei den verschiedenen Drogen unterschiedlichen Entzugsfolgen auch bei Koka-
in nicht von vorneherein völlig ausgeschlossen (vgl. BGH, Urteil vom 2. Novem-
ber 2005 – 2 StR 389/05, BGHR StGB § 21 BtM-Auswirkungen 16).

28          Die Aussagekraft allein des – auch quantifizierten – Nachweises von Dro-
gen und ihrer Abbauprodukte im Blut, im Urin und in den Haaren ist im Hinblick
auf die Frage der Steuerungsfähigkeit eines Täters bei der Tat nur begrenzt
(vgl. SSW-StGB/Schöch, § 20 Rn. 47). Im Rahmen einer Gesamtschau sind
aufgrund der psychodiagnostischen Merkmale unter ergänzender Verwertung
der Blut-, Urin- und Haarbefunde (hinsichtlich des Betäubungs- und hier auch
Alkoholkonsums) Rückschlüsse auf die Tatzeitbefindlichkeit des Täters zu zie-
hen.

29          b) Den danach an die Darlegungen zur Feststellung erheblich verminder-
ter Steuerungsfähigkeit zu stellenden Anforderungen genügen die Urteilsgrün-
de hier nicht.

30          Das angefochtene Urteil beschränkt sich im Wesentlichen darauf, das
Ergebnis des Sachverständigengutachtens zu referieren und sich diesem pau-
schal anzuschließen, bis auf einen Punkt, ohne sich mit dieser Abweichung
allerdings weiter auseinanderzusetzen. Dies genügt im vorliegenden Fall nicht.

31          Die Anforderungen an die Darlegungen in einem Urteil zur Überprüfung
und Bewertung sachverständiger Äußerungen durch das Gericht sind nicht im-
mer gleich. Liegt ein in sich stimmiges, in seinen Feststellungen und Beurtei-
lungen ohne weiteres nachvollziehbares Sachverständigengutachten vor, wer-
den häufig nach dessen Darstellung knappe Ausführungen genügen, aus de-
nen insbesondere folgt, dass sich das Gericht erkennbar bewusst war und da-
nach entschieden hat, dass es allein seine Aufgabe ist, das abschließende
normative Urteil über die Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit zu treffen, auch
wenn es dem Sachverständigen letztlich uneingeschränkt folgt. Unnötige Wie-
derholungen sind auch in diesem Bereich zu vermeiden.

32          Anders ist es, wenn die sachverständigen Äußerungen zur Steuerungs-
fähigkeit nicht ohne weiteres nachvollziehbar sind, Lücken aufweisen oder im
Widerspruch zu sonstigen Feststellungen und Bewertungen der Strafkammer
stehen. So liegt es – ausgehend von der Darstellung des Sachverständigengut-
achtens in den Urteilsgründen – hier.

33          Dass sich der Angeklagte während der gesamten, sich über Stunden er-
streckenden – jedenfalls hinsichtlich des Vorwurfs der Beihilfe zum Handeltrei-
ben – Tathandlung in Folge akuter Intoxikation in einem Zustand erheblich ver-
minderter Steuerungsfähigkeit befunden hat, ist anhand der Urteilsgründe nicht
nachvollziehbar und damit einer revisionsrechtlichen Überprüfung schon nicht
zugänglich. Der zwar bedeutsame, aber kontrollierte – der Angeklagte kam am
Wochenende, wenn sein Sohn bei ihm war, ohne Betäubungsmittel aus – Be-
täubungsmittelkonsum allein belegt dies nicht. Schwerste Persönlichkeitsver-
änderungen liegen, wie die Strafkammer zu § 64 StGB festgestellt hat, nicht
vor.

34          Dass der letzte Konsum vor der Festnahme des Angeklagten, der regel-
mäßig Kokain zu sich nahm, für ihn außergewöhnlich war und zu seiner Vergif-
tung in einem Grade geführt hätte, die zu einer erheblichen Verminderung der
Steuerungsfähigkeit führte, ist nicht belegt. Welchen Einfluss der Alkoholkon-
sum des Angeklagten (bis zur Tat schließlich zwei Flaschen Portwein am Tag)
dabei hatte, wird nicht erörtert (zum Zusammenwirken von Kokain und Alkohol
vgl. BGH, Beschluss vom 26. Mai 2000 – 4 StR 131/00, BGHR StGB § 21 Ursa-
chen, mehrere 15). Die Blutalkoholkonzentration zum Zeitpunkt der Blutent-
nahme wird schon nicht mitgeteilt. Auf die mögliche Bedeutung der sonstigen
im Blutplasma festgestellten Wirkstoffe wird nicht eingegangen. Im Übrigen
sprechen die Feststellungen der Strafkammer dafür, dass der letzte Konsum
von Kokain vor der Festnahme des Angeklagten erst nach Antritt der Kurierfahrt
und insbesondere nach Grenzübertritt (Einnahme vor der Festnahme auf einem
Autobahnparkplatz) mit den Betäubungsmitteln stattfand, also wesentliche Teile
der Tathandlung überhaupt nicht tangierte.

35         Mit dem wesentlichen psychodiagnostischen Merkmal, nämlich dem un-
auffälligen Verhalten des Angeklagten bei seiner Festnahme hat sich der Sach-
verständige in diesem Zusammenhang nicht auseinandergesetzt. Er hat dies
nur als Hinweis auf die Gewöhnung des Angeklagten an den Konsum von Be-
täubungsmitteln erwähnt.

36         Der Sachverständige hat seine Annahme erheblich verminderter Steue-
rungsfähigkeit nicht allein auf eine akute Intoxikation sondern auch darauf ge-
stützt, dass der erhaltene Kurierlohn zur Begleichung von Geldschulden aus
dem zurückliegenden Ankauf von Rauschgift zum eigenen Konsum gedient
habe und die Begleichung der Schulden die Voraussetzung für den weiteren
Erwerb von Betäubungsmitteln gewesen sei. Dem hat sich die Strafkammer
zwar ebenfalls pauschal angeschlossen (UA S. 12). Bei Feststellungen zum
Tatgeschehen hat sich die Strafkammer dann jedoch auf die akute Intoxikation
zur Begründung verminderter Steuerungsfähigkeit beschränkt (UA S. 7), ohne
dies aber weiter zu begründen. Allerdings hat das Landgericht im Ergebnis zu
Recht in dem Ziel der Geldbeschaffung – für die Bezahlung von Schulden als
Voraussetzung weiteren Betäubungsmittelerwerbs – keine Grundlage für die
Annahme einer Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit gesehen. Die bishe-
rigen Feststellungen hierzu beschreiben allenfalls ein Tatmotiv aber keinen so
intensiven Konsumdruck (Angst vor unmittelbar bevorstehenden Entzugser-
scheinungen, die der Angeklagte schon einmal intensivst erlitten hatte), der in
Ausnahmefällen die Steuerungsfähigkeit erheblich vermindern kann. Ob ein
Täter in einer solchen psychischen Ausnahmesituation (Angst vor Entzugsfol-
gen) dann aber überhaupt noch zu einer mehrstündigen Kurierfahrt und einem
völlig unauffälligen Verhalten bei seiner Festnahme in der Lage hätte sein kön-
nen, wäre gegebenenfalls – bei Hinweisen auf einen derartigen Erwerbsdruck –
zu erörtern gewesen.

37          Die Abweichung der Strafkammer von den Darlegungen des Sachver-
ständigen hätten jedenfalls für sie allein schon Anlass sein müssen, sich insge-
samt kritischer mit den Äußerungen des Sachverständigen auseinanderzuset-
zen.

38          c) Über die Strafzumessung und – schon wegen des engen Zusammen-
hangs – über die Frage der Unterbringung des Angeklagten in einer Entzie-
hungsanstalt wird daher neu zu befinden sein. Sollte eine Unterbringung in ei-
ner Entziehungsanstalt in Betracht kommen, wird § 246a Satz 2 StPO zu be-
rücksichtigen sein. Zu den Voraussetzungen eines Hangs im Sinne von § 64
StGB, berauschende Mittel im Übermaß zu sich zu nehmen, vgl. BGH, Be-
schluss vom 27. März 2008 – 3 StR 38/08, Rn. 8 ff. (vgl. auch BGH, Beschlüsse
vom 30. Januar 2001 – 1 StR 542/00; vom 7. Februar 2012 – 5 StR 505/11,
Rn. 8 ff., vom 9. Februar 2012 – 3 StR 2/12, Rn. 3).

Nack                                 Rothfuß                  Hebenstreit

Elf                                   Graf